Das große Rollen

Noch etwas wirr und tatterig standen wir heute morgen auf, nichts Böses ahnend und um uns auf einen Trip nach Herrmannstadt aufzumachen.
Wie gewohnt schlenderte ich in die Küche, um meinem morgentlichen Ritual nachzukommen – Kaffee und Tee kochen. Gerade den Topf in der Hand drang ein spitzer Schre durch die Wohnung. Ein Fluchen folgte "Ey Leute, wir haben kein Wasser!"
Und tatsächlich. Man konnte den Wasserhahn in alle möglichen Richtungen drehen, es tat sich nichts, nicht einmal ein müder Tropfen ließ sich herab, vorbei zu schauen.
Da ich ohne meinen morgendlichen Kaffee praktisch nicht überlebensfähig bin, tüftelte ich fieberhaft an einem Plan, kippte kurzerhand unseren Sprudel in den Topf und beobachtete das zischende, broderlnde Gebräu, was sich später als tatsächlich trinkbar herausstellte.
Der Sprudel stellte sich außerdem als brauseartiges, stark schäumendes Zähneputz- Nachspühlmittel heraus (SO muss Tollwut aussehen!) und als eiskalter Muntermacher fürs Gesicht.
Zwar haben wir hier immer wieder davon gehört, dass das Wasser der gesamten Stadt ohne Vorwarnung abgestellt werden kann, hätten aber nie daran gedacht, dass es uns irgendwann auch erwischt. Rumänien pur :D

Mit Lehrerin samt Ehemann im Gepäck düsten über die Landstraße nach Herrmannstadt. Dort angekommen bummelten wir ein über Pflastersteinsträßchen durch die wunderschöne und gut besuchte Altstadt, die so ein bisschen an unser Ludwigsburg erinnert.
Die Sonne strahlte, der Himmel hatte keine Wolken aufzuweisen uns als wir dann auch noch ein Kürtös mit Zimtgeschmack in die Hand gedrückt bekamen, war der Wasserausfall zu Hause schon längst vergessen!
Zufrieden mampfend ging es an Kirchen, Museen und einem Automarkt mitten auf dem Marktplatz vorbei ( Hier gibt es zwar durchaus Autohäuser, aber Automärkte scheinen wohl viel beiebter zu sein), bis wir schließlich vor der "Lügenbrücke" standen.
Der Sage nach verabschiedeten sich hier im Krieg die Soldaten von ihren Frauen mit dem Versprechen wiederzukommen und sie zu heiraten – was sie nie taten!
Paradoxerweise ließ sich in genau diesem Augenblick ein glücklich strahlendes Brautpar mitsamt der Hochzeitsgesellschaft auf ebendieser ablichten, was mich persönlich sehr belustigte!

Schließlich wurden wir zu einem Mittagessen in einem hübschen Reataurant mit traditionell rumänischer Küche eingeladen. Da es draußen sehr angenehm war, nahmen wir vor dem Restaurant auf dem Marktpltz platz und genossen die spätsommerlichen Sonnenstrahlen.
Weil es der Brauch so will, sollten wir erst eine Suppe und dann einen Hauptgang bestellen. Da wir schon Erfahrung mit der rumänischen Küche gesammelt hatten, kamen wir der Bitte natürlich nur zu gern und strahlend nach.
Wir alle entschieden uns für eine klare Kartoffelsuppe mit einem Klacks Schmand (an Papa: Schmeckt wie Gaißburgermarsch, nur ohne Spätzle und mit zusätzlichem Gemüße! Das hättest du gemocht ;-) ). Danach folgten die berühmt berüchtigeten Kohlrouladen mit dem leckeren Maisbrei – Seeeehr lecker, aber viel zu viel, dass man es leider auch mit viel Gier nicht schaffen konnte!
Der krönende Abschluss bildete Papanas ("Papanasch). Das ist eine Kreuzung aus Berliner und Fastnachtsküchle, bestreut mit Puderzucker und auf einem Klecks Marmelade liegend. Seltsamerweise blieb diesmal davon bei keinem von uns etwas auf dem Teller zurück ;-)

Die Bäuche haltend und ihnen gut zusprechend rollten wir noch zufrieden bei einer aufwendigst verzierten, unbeschreiblichen orthodoxen Kirche vorbei und ließen uns dann zurück ins Auto plumspen. JOI!
So vor uns hindösend wurden wir Zeuge eines unglaublichen Spektakels. Der Wagen vor uns hatte einen Sack auf dem Autodach geladen – hier nichts weiter Ungewöhnliches...
Plötzlich löste sich etwas Schwarzes flatternd aus dem inneren des Sackes heraus, ich dachte erst an einen Vogel. Dann folgten aber weitere nichtidentifizierbare Gegenstände, die sich in die Lüfte hoben, doch als uns eines davon nur knapp verfehlte, wussten wir Bescheid:
Socken, Unterhosen, Strumpf- und Jeanshosen bahnten sich ihren Weg in die luftige Freiheit.
Als die Insassen nicht auf unser, eigentlich unüberhörbares, Hupen reagierte, ließ unser Fahrer und späterer Held kurzerhand das Gaß quietschen, vollzog ein Überholmanöver vom Feinsten und zwang das andere Auto dann zum stehen.
Ich glaube ich muss nicht erwähnen, dass wir danach alle wieder hellwach waren ;-)

Beitrag von Kathrin

Romania

PH goes East

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Was denkt oder wisst...
... Hallo, Karuna. Stichwort Sibiu, Stichwort Kronstadt:...
shortlist literaturmagazin (Gast) - 11. Okt, 19:49
letzte vorbereitungen
Oh Mensch, jetzt ist es fast vorbei. Ich bin ehrlich...
Sibiu-Mediasch - 11. Okt, 19:43
Kronstadts Höhen
In der Frühe ging es zum Kirchhof und in einen „Mikrobus“....
Sibiu-Mediasch - 11. Okt, 19:42
Hermannstädter trubel
Heute war ich irgendwie total fit. Wir sind in die...
Sibiu-Mediasch - 11. Okt, 19:41
Von Suppen, Kürtös und...
Nachdem ich am Samstag einem wahren Putzteufel glich,...
Sibiu-Mediasch - 5. Okt, 15:44

Links

Suche

 

Status

Online seit 5691 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 11. Okt, 19:49

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren